Das Bonn International Centre for Conflict Studies (bicc) beleuchtet und kontextualisiert den internationalen Frauentag im Zusammenhang mit der Agenda 2030 und lokalen sowie globalen Ereignissen:
Der 8. März ist ein politischer Tag. Weltweit gehen Frauen auf die Straße, um für ihre Rechte zu kämpfen. Am Feministischen Kampftag machen wir dabei sichtbar, was noch immer unsere Realität ist: fast jede dritte Frau weltweit erlebt mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexuelle Gewalt.¹ Gewalt gegen Frauen ist kein individuelles Schicksal und kein kulturelles Randphänomen. Sie ist Ausdruck struktureller Ungleichheit. Geschlechtergerechtigkeit ist weltweit nicht erreicht und für Millionen Frauen bedeutet dies erlebte Unsicherheit, Diskriminierung und Gewalt.
Geschlechtsspezifische Gewalt ist Gewalt, die sich gegen eine Person aufgrund ihres biologischen oder sozialen Geschlechts richtet. Sie umfasst alle Formen von Gewalt, also körperliche, sexualisierte, psychische und wirtschaftliche Gewalt.“²
Der 08. März im Kontext der 17Ziele
Mit der Agenda 2030 haben sich 193 Staaten verpflichtet, genau das zu verändern. SDG 5 „Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen“ formuliert das klare Ziel, alle Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu beenden.³ Aber solange Gewalt alltäglich ist, bleibt Gleichstellung ein Versprechen auf dem Papier. Denn wo Frauen Gewalt erfahren, fehlt Sicherheit, Teilhabe und die Grundlage für gesellschaftliche Stabilität. Der Feministische Kampftag konfrontiert uns also mit einer bitteren Realität: Wenn strukturelle Ursachen von Ungleichheit nicht konsequent angegangen werden, bleiben auch die 17 Nachhaltigkeitsziele eine Utopie. Geschlechtergleichstellung darf kein Nebenaspekt der Agenda für nachhaltige Entwicklung sein, sie ist ihre Voraussetzung.
Ein lokaler Blick
Geschlechtergerechtigkeit existiert aber nicht im luftleeren Raum. Sie ist eingebettet in politische, soziale, ökologische und wirtschaftliche Entwicklungen. Vor allem die Klimakrise zeigt, wie eng ökologische Veränderungen und gesellschaftliche Strukturen miteinander verwoben sind. Tradierte Rollenbilder und Abhängigkeiten geraten unter Druck, wenn Lebensgrundlagen unsicher werden. Diese Dynamiken können traditionelle Geschlechterrollen verstärken, aber auch herausfordern:
Ostafrika hat in den vergangenen fünf Jahren die stärksten Dürren erfahren, die in dieser Region je aufgezeichnet wurden. Dies hat zusammen mit anderen Triggern wie der Pandemie, die Lebensgrundlage vieler Menschen in Gefahr gebracht. Wir am bicc haben uns mit der Grenzregion zwischen Kenia und Uganda befasst und den sogenannten Klima-Gender-Konflikt Nexus untersucht. Dieser beschreibt die geschlechtsspezifischen Auswirkungen des Klimawandels und von Konflikten auf Frauen und Männer. In unserer Studienregion, in der viele transhumante Hirtenvölker aber auch Kleinbäuer*innen seit Jahrzehnten von Überfällen und Konflikten um Ressourcen betroffen sind, hat der Klimawandel einerseits für eine Zuspitzung der Konflikte, aber gleichzeitig auch für eine Anpassung an die harscheren Bedingungen gesorgt. Ein großer Anteil unserer Befragten - Frauen wie Männer - geht neuen Erwerbstätigkeiten wie Bergbau und Lohnarbeit nach, was zu einer Veränderung der Rollenaufteilungen zwischen Männern und Frauen in einer ursprünglich stark patriarchalen Gesellschaft führt. Die zunehmenden Einnahmen, die Frauen durch Erwerbsarbeit generieren, stellen die existierenden Gendernormen in Frage, während die Dürre gleichzeitig Einnahmequellen aus der Viehwirtschaft für Männer bedroht. Dies verschärft soziale Konflikte innerhalb der Haushalte, in denen Gewalt gegen Frauen zum Teil zunimmt. In unserer Studie vergleichen wir zwei benachbarte Gebiete auf beiden Seiten der Grenze und müssen feststellen: dort wo während Dürren mehr Ressourcen wegfallen, weil das Gebiet insgesamt feuchter und grüner ist, findet auch mehr sozialer Wandel statt. Das wiederum führt zu mehr Konflikten.4
Und eine globale Perspektive
Es wäre bequem, Gewalt gegen Frauen als abstraktes Entwicklungsproblem zu betrachten. Diese Erzählung hält der Realität aber nicht Stand: Im Durchschnitt erlebte 2024 in Deutschland alle 3 Minuten eine Frau häusliche Gewalt.5 Und die Tendenz steigt: 2024 gibt es im Fünfjahresvergleich fast 18% mehr Opfer von häuslicher Gewalt, knapp 80% davon sind Frauen.6 Die Zahlen sind auf einem Höchststand und grundsätzlich ist ein großes Dunkelfeld anzunehmen, denn das Problem ist in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt: Gewalt gegen Frauen passiert vor unserer Haustür. Beziehungsweise dahinter. 2023 wurde nahezu jeden Tag eine Frau in Deutschland getötet - inwiefern dies geschlechtsspezifische Gewalt war, dazu fehlt es noch an den richtigen Statistiken. Auch eine Art der Erfassung, welche geschlechtsspezifische Gewalt abbildbar macht, wird gerade erst erstritten.
Hierzu untersuchen wir auch am bicc, wie Frauenbewegungen sich in Reaktion auf fehlende Daten mobilisieren, um solche Phänomene sichtbar zu machen. Weltweit erarbeiten Frauen (oft in ihrer Freizeit und entsprechend unbezahlt) die fehlenden Zahlen zu Femiziden – sogenannte Counterdata –, um mit einem bottom-up Ansatz eine Datengrundlage zu schaffen, die top-down Veränderungen anregt und Schutzräume für Betroffene ermöglicht. Dabei stoßen wir auf unzählige Projekte, die neben der aktivistischen Tätigkeit auch selbstorganisierte Anlaufstellen zum Schutz ihrer Leidensschwestern bereitstellen. Dieser Kampf von unten ist nicht neu, jedoch trifft er derzeit auf neue Tendenzen, die Mittel von Entwicklung zu Aufrüstung verlagern, einen weltweiten Rechtsruck, und zunehmend auch auf Anti-Gender Bewegungen, die eine Kürzung der Fördergelder für feministische Zwecke zur Folge haben. Dabei stellen wir fest, dass diese Initiativen, Organisationen, Plattformen und Netzwerke ihre Aktivitäten einstellen, oder auf das wesentlichste reduzieren, wenn nicht sogar komplett aufgeben müssen. Die Konsequenzen sind massiv, gerade in Zeiten, in denen weltweit Gewaltkonflikte zunehmen und hiermit auch die Gewalt gegen Frauen.
Der Feministische Kampftag erinnert uns daran, dass Gleichstellung sich nicht von selbst einstellt, sondern erstritten werden muss. Sie ist das Ergebnis struktureller Veränderungen, gesellschaftlichen Drucks, politischer Mobilisierung und politischer Entscheidungen. Damit ist auch das Ausbleiben von Gleichstellung politisch. Der 8. März ist kein Tag für Blumen und Schokolade, dafür gibt es 364 weitere Tage im Jahr. Am 8. März fordern wir strukturelle Veränderung. Gesetze, die schützen. Institutionen, die handeln. Und Ressourcen, die gerecht verteilt werden. Weltweit.
Wenn du oder jemand in deinem Umfeld von Gewalt betroffen bist, kannst du dir hier Hilfe holen. Du bist nicht allein.
- Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 116 016
- Opfertelefon Weißer Ring: 116 006
- Hilfetelefon bei sexualisierter Gewalt: 0800 22 55 530
- Bei akuter Gefahr: Polizeiruf 110
Für mehr Inspiration und Anregungen, folge uns auf Instagram @17Ziele.de
Autor*innen: Marie Müller-Koné, Rebecca Navarro, Sonja Liesching - bicc
Klimaschutz, fairer Handel, Flucht und Migration sind Themen, die uns alle angehen. Unser Lebensstil und unsere Art zu wirtschaften haben unmittelbare, globale Folgen. Daher haben sich die Vereinten Nationen (UN) 2015 zusammengetan und die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ins Leben gerufen. Damit sollen Zivilbevölkerung, politische und wirtschaftliche Akteure zu nachhaltigem Handeln motiviert werden.
Die Bildungskampagne #17Ziele verknüpft die Kernbotschaften der Nachhaltigkeitsziele mit der Alltagswelt der Deutschen Zivilbevölkerung und inspiriert durch optimistische und positive Kommunikation zu sozialem, ökologischem und ökonomischen Engagement und Handeln.