Ein Beitrag von Marc von Boemchen & Sonja Liesching, bicc:
"Bei Frieden handelt es sich um einen allgegenwärtigen, fast inflationär gebrauchten Begriff."
Gerade in diesen unfriedlichen Zeiten ist er in aller Munde. Einige verteidigen die gegenwärtige Aufrüstung damit, dass sie den Frieden in Europa erhalten solle. Wiederum andere fordern im Namen des Friedens eine Abrüstung. Mit dem Frieden verhält es nicht so einfach. Frieden, das scheint eine komplizierte Sache zu sein.
Institutionen als Friedensgarant oder Gewaltmonopol?
In den nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs) der Vereinten Nationen trägt das SDG Nummer 16 den Friedensbegriff im Titel. Es heißt „Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen“. Und bereits der Titel verrät, wie Frieden erreicht werden soll, nämlich durch „starke Institutionen“. „Leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und transparente” öffentliche Strukturen – allen voran ein stabiles Rechtssystem – sollen Gewalt in Gesellschaften verringern, Kriminalität und Korruption bekämpfen. Man könnte auch sagen: Frieden braucht einen funktionierenden, starken Staat. Oder wie es der Soziologe Max Weber einst formulierte: eine Institution, die „das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht“.
Da ist etwas Wahres dran, ganz klar. Institutionen wie das Militär bewahren – im Idealfall – eine Gesellschaft vor einem Angriff von außen. Die Polizei „befriedet“ sie im Inneren. Gleichzeitig erzeugt eben diese Monopolisierung von Gewalt aber ein Dilemma. Denn so effektiv Justiz, Polizei und Militär auch vielerorts Frieden schaffen mögen, wird Gewalt dadurch weniger eliminiert, sondern vielmehr auf eine institutionelle Ebene verlagert. Die Akkumulation von Gewaltmitteln ist eine Voraussetzung für das Führen großer Kriege. Und in den meisten Weltgegenden nehmen Menschen staatliche Sicherheitskräfte weniger als Friedensgaranten, sondern viel eher als eine Bedrohung wahr. Der Begriff Staatsgewalt wirkt in diesem Zusammenhang ungewöhnlich wörtlich.
Zwischen Institution und Individuum
Es wäre zu kurz gegriffen, einen Zustand des Friedens einfach nur auf funktionierende staatliche Institutionen (Justiz, Polizei, Militär) zu reduzieren. Und wenn wir das schon machen, dann müssen wir auch über Fragen wie Rüstungskontrolle, den Ausbau suprastaatlicher Organisationen (wie das Friedensprojekt der Europäische Union), die Beachtung von Menschenrechten und die demokratische Kontrolle staatlicher Gewalt reden. Dennoch: werden Menschen danach gefragt, was Frieden für sie bedeutet, dann kommen den wenigsten zuallererst staatliche Institutionen in den Sinn. Frieden ist für sie sehr persönlich, individuell – und damit auch vielfältig.
Eine Vorstellung von Frieden ist das Bild einer gewaltlosen Gesellschaft. Eines Tages ist Frieden hoffentlich die Abwesenheit der Möglichkeit von Gewalt“ - Elvan, bicc
Ein "negativer Frieden"?
Die Konzeption von Frieden als Abwesenheit von Gewalt ist auch ein prominenter Ansatz in der Wissenschaft, den der norwegische Friedensforscher Johan Galtung bereits in den 1960er Jahren ausformulierte. Er unterschied zunächst zwei verschiedene Formen von Gewalt. Auf der einen Seite die direkte, meist physische Gewalt (Faustschläge, Gewehrkugeln, Atombomben). Auf der anderen Seite ein Phänomen, das er „strukturelle Gewalt“ nannte. Anders als direkte Gewalt, besitzt strukturelle Gewalt kein gewalttätiges Subjekt. Sie ist Teil gesellschaftlicher Strukturen und insofern gewalttätig, als sie die Entwicklungsmöglichkeiten von Menschen beschneidet: soziale Ungleichheit und Armut, mangelnde Bildung oder unzureichende politische Teilhabe, Geschlechterungerechtigkeit, die Ausbreitung von Krankheiten, die verhindert werden könnten – heute zählen auch die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels mit dazu. „Negativer Frieden“ ist für Galtung die reine Abwesenheit direkter Gewalt. Für einen „positiven Frieden“ braucht es hingegen die gleichzeitige Abwesenheit von sowohl direkter als auch struktureller Gewalt.
Aus diesem Blickwinkel ist klar, dass ein Konzept von “positivem Frieden” nicht allein SDG 16, sondern viele – wenn nicht sogar alle – Entwicklungsziele der Vereinten Nationen berühren würde. Beim Frieden geht es unter anderem um Armutsbekämpfung (SDG 1), Ernährungssicherheit (SDG 2) Gesundheit (SDG 3), Bildung (SDG 4), Geschlechtergerechtigkeit (SDG 5) und Klimaschutz (SDG 13). Kurzum: positiver Frieden ist eine logische Zielsetzung nachhaltiger Entwicklung.
Für mich als Mutter bedeutet Frieden eine Zukunft, in der ich meine Kinder ohne Angst großziehen kann, ihnen die Freiheit gebe, sich frei zu bewegen und sich so zu entwickeln, wie sie es möchten. Aber immer mit der Verantwortung, jedem mit Respekt und Toleranz zu begegnen.“ – Sarah, bicc
Lokale Stimmen, globale Ziele: Wer definiert, was Frieden bedeutet?
Kompliziert bleibt es trotzdem. Denn auch wenn uns die nachhaltigen Entwicklungsziele viele Bausteine für den Frieden liefern, ist ihre richtige Zusammensetzung nicht immer so einfach und vielfach Anlass politischer Auseinandersetzungen. Wie lässt sich beispielsweise andauerndes Wirtschaftswachstum (SDG 8) mit den ökologischen Maßgaben des Klimaschutzes vereinbaren? Von den Implikationen für den Verlauf der Klimakrise als Ursache von Flucht, Migration und Vertreibung gar nicht zu sprechen.
Ein anderes Beispiel: Waffenlieferungen zur Stärkung staatlicher Sicherheitskräfte können einen Beitrag zur effektiven Bekämpfung von Kriminalität im Sinne von SDG 16 leisten. Zugleich könnten sie jedoch dazu dienen, Minderheiten zu unterdrücken, politische Teilhabe einzuschränken oder Menschenrechte zu verletzen.
Und ganz allgemein gefragt: die nachhaltigen Entwicklungsziele wurden auf höchster Ebene von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen verabschiedet. Aber inwiefern repräsentieren sie tatsächlich die Pluralität lokaler Wahrnehmungen und Bedürfnisse benachteiligter Menschen weltweit?
Die Forschungs- und Beratungsarbeit des bicc setzt in vielen Vorhaben bei eben solchen Problemen, Dilemmata und Zielkonflikten an. Unsere Mission ist eine friedlichere Welt. Aber dabei haben wir stets im Blick, dass Frieden heterogen und komplex ist. Unser Projekt „Power Relations of Peace“ fragt nach den alltäglichen Friedensvorstellungen von Menschen, die in Konfliktgebieten leben – und wie sich diese Vorstellungen womöglich von den Friedenskonzepten internationaler „peace-building“ Missionen und externer Hilfsorganisationen unterscheiden. Die Suche nach Frieden gestaltet sich oft schwierig, sie ist selten geradlinig und fast immer voller politischer Konflikte. Aus genau diesem Grund sind Forschung und Beratung dazu umso wichtiger. In unserem Projekt „Entwicklung, Sicherheit und Rüstung“ beraten wir die Bundesregierung, unter welchen Bedingungen die Lieferung von Rüstungsgütern an Entwicklungsländer zu vertreten ist – also, ob und wann sie wirklich einen Friedensbeitrag leisten können. Ein anderes Beispiel betrifft die Berücksichtigung und Einbeziehung von subalternen Perspektiven, die sonst wenig Gehör finden. Am bicc ist das Sekretariat des “Refugee Advisory Board” Deutschlands angewiesen, das geflüchteten Menschen eine Stimme in öffentlichen Debatten zu Flucht und Migration geben soll.
Frieden bedeutet, zu sein. Mich mit Geist und Körper in meinem Umfeld und mit den Menschen um mich herum ruhig und wohl fühlen.“ – Bronwyn, bicc
Konflikte als Chance
Positiver Frieden ist nicht etwas, das den Menschen einfach von außen vorgesetzt und übergestülpt werden kann. Gleichzeitig ist es aber auch nicht so kompliziert, wie es manchmal erscheint. Wenn die unterschiedlichen Lebensrealitäten, Kulturen und Konfliktkontexte berücksichtigt werden, können gemeinsame Friedenskonzepte entwickelt und diese gegebenenfalls auch gegen politische Widerstände durchgesetzt werden. Die Suche nach einer gewaltlosen Gesellschaft muss auf gewaltlose Weise geführt werden. Trotzdem erfordert gesellschaftliche Entwicklung Konflikte, sie profitiert davon. Dabei prallen unterschiedliche Interessen unweigerlich aufeinander, deren Bearbeitung in Prozesse der Konflikttransformation eingebettet werden müssen, um neue und gerechtere Formen des Zusammenlebens zu schaffen.
Kurz: Frieden bedeutet nicht die Auflösung aller Konflikte weltweit, sondern ihre gewaltlose Aufarbeitung und Austragung.
Marc von Boemcken, Sonja Liesching (BICC – Bonn International Centre for Conflict Studies gGmbH)
Copyright Headerfoto: Maria Lysenko